Wie eine Idee Gestalt gewinnt

»Wie Gockenspiele entstanden und eine Idee Gestalt gewinnt: Das Carillon für die Stiftskirche«

Feuer und Erde

Es war wohl der Zauber des Klanges, ein so noch nie gehörter, der die Menschen jener Zeit in seinen Bann zog, als es gelungen war aus Kupfer und Zinn jene Legierung zu schmelzen, die dieser Epoche (Beginn ca. 2500 v. Chr. im Zweistromland) auch ihren Namen geben sollte: Bronzezeit. Der faszinierende Klang des neuen Materials, den man durch Anschlagen bei der Bearbeitung hervorlocken konnte, und der wunderbar klingend und klar nachhallte, lehrte früh nicht nur Äxte und Pflugscharen, Speerspitzen und Schwerter zu schmieden, oder Armreifen, polierte Spiegel und Schmuckfibeln zu fertigen, sondern nun auch - die Form war schon lange bekannt und ist Kulturgut der Menschheit - Glocken zu gießen, die für alle Lebensbereiche der Menschen Bedeutung hatten; für religiös-kultische Zeremonien, wie auch das ganz alltägliche Leben. Schon im Alten Testament (2. Mose 28, 33) wird von den Glöckchen an Aarons Priestergewand berichtet, die beim Gottesdienst erklangen und ganz profan gliederte das Läuten einer Glocke das Lagerleben der römischen Legionäre und die Nachtwächter in Rom benutzten eine Glocke um bei einem Brand in der Stadt Alarm zu geben.

Zoom (66KB)

„Vivos voco . . .“

Die universelle Bedeutung für Religion und Alltag behielt das Geläut der Glocken auch bei und prägte das Leben der Städte und Dörfer im Mittelalter nachdem auf mannigfachen und verschlungenen Wegen Glocken und die Kunst des Glockengießens auch über die Alpen hinaus gelangt war. Der weit hallende Schlag der Glocken gab die Zeit an, teilte das Leben - nicht nur der Mönche - in „ora“ und „labora“ - in Gebet und Arbeit. Im Spätmittelalter wurde um die Aufmerksamkeit auf den Stundenschlag zu lenken vom Glöckner ein „Vorschlag“ auf vier Glocken (lat.: quadrillionem, woraus sich dann das französische Wort „carillon“ = Glockenspiel entwickelte) gespielt. Das Geläut der Glocken rief zum Gottesdienst, zeigte Geburt, Eheschließung und Tod in der Gemeinde an und Glockengeläut warnte auch vor mancherlei Gefahr, vor Feuer, Hagel, Sturm und Krieg oder vor der gefürchteten Springflut an der Küste der Nordsee. Glocken wurden so auch zu einem wichtigen Kommunikationsmittel und jedermann verstand die Sprache der mittlerweile verschiedenen Glocken und Glöckchen auf den Türmen der Kirchen, Rathäuser und Klöster, das in den Städten und Gemeinden ertönte – vom Läuten des Armsünderglöckchens bis zum Läuten der schrecklichen Sturm- und Kriegsglocke, vom Weckruf der Morgenglocke bis zum Abendgeläut und der Ruhe der Nacht. Wie im Brennpunkt einer Lupe fasst dies die Inschrift auf einer Glocke des Münsters zu Schaffhausen, die in Friedrich Schillers „Das Lied von der Glocke“ im Untertitel zitiert wird, zusammen: „Vivos voco. Mortuus plago. Fulgura frango“ - „Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich. Die Blitze breche ich“. Wie kein anderes Instrument gaben die Glocken Kunde von Freud und Leid der Menschen, deren Hoffnungen und Ängsten - sie gaben der Stadt, der Gemeinschaft eine Stimme.

Die Brüder Hemony und das Carillon als Musikinstrument

Eine entscheidende Neuerung in der Herstellung von Glockengeläuten leiteten die Brüder François (um 1609 - 1667) und Pierre (1619 - 1680) Hemony ein. Sie stammten beide aus Levécourt (in Lothringen, am Oberlauf der Maas) und verließen 1634 ihre Heimat, nachdem die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges auch Lothringen erreicht hatten und kamen 1641 über das Rheinland und Westfalen in die Niederlande. Dort erhielten sie von der Stadt Zutphen (25 km nordöstl. von Arnhem) ein Jahr später den Auftrag ein großes Glockenspiel zu gießen, eine Arbeit, die sie in den Jahren 1644 - 1646 vollendeten und die ihren fortdauernden Ruhm begründete, sowie eine unangefochtene Spitzenposition in der Herstellung qualitativ hochwertigen Glockenspielen eintrug. Frants und Pieter Hemony (wie sie in Holland genannt wurden) waren begnadete Glockengießer, die präzis intonierte Glocken gießen konnten, die keine unsauberen Obertöne hatten. Ihr Geheimnis lag in der richtigen Wahl des Profils der Glocke und der „Stimmung“ der Glocke nach dem Guß, die sie durch ein vorsichtiges Ausschleifen des Glockenprofils erreichten. Diese „chromatische“ Stimmung der einzelnen Glocken (in Halbtonschritten wie beim Klavier) erlaubte es Glockenspiele bis zu einem Umfang von drei Oktaven auszudehnen und so ein Musikinstrument zu gestalten bei dem man - ähnlich wie bei einer Orgel - über eine Klaviatur mit Händen und Füßen die einzelnen Glocken anschlagen konnte. So war man in der Lage ganze Melodien, eigene Kompositionen, zu spielen. Eine reiche Verbreitung fanden diese Glockenspiele vom 17. Jahrhundert an in den wohlhabenden Handelsstädten Hollands, Belgiens und Nordfrankreichs, die in einen wahren Wetteifer, mit dem prachtvollen Klang dieser Geläute auch ihren Stolz auf ihr blühendes städtisches Leben zeigten. Eine kaum zu schätzende Zahl von Touristen, Städtebummlern und Einheimischen stehen heute staunend vor den Kirchen und Rathäusern jener Städte, aber auch bei uns in Deutschland (es gibt ca. 30 Carillons in der Bundesrepublik) und lauscht fasziniert dem Spiel der Glocken, dem Faszinosum der dem Klang innewohnt wie vor Urzeiten, der der Stadt eine Stimme gibt und sie auf eine ganz charakteristische Weise, deutlich wahrnehmbar, hörbar, heraushebt.

Weshalb ein Carillon für die Stiftskirche in Kaiserslautern?

Es war die Idee von Helmut Freitag, damals Kantor des Kirchenbezirks und Organist an der Stiftskirche, ein Carillon für diese Kirche zu erwerben, die im gerade eben gegründeten Verein „Freunde der Kirchenmusik an der Stiftskirche e.V.“ zündete. Der Gedanke klang zunächst verwegen, doch ein Besuch in einer Glockengießerei und eine Visite in Eppingen (ganz in der Nähe der Melanchthon-Stadt Bretten in Baden), sowie die fruchtbaren und schönen Erfahrungen die man dort mit dem Carillon machte - und täglich neu macht! - räumten sehr schnell bestehende Zweifel zur Seite. Die Idee war geboren und sie nahm nun mit Begeisterung und Tatkraft Gestalt an.

Die Stiftskirche bot sich als das historisch bedeutsamste Bauwerk unserer Heimatstadt Kaiserslautern für die Einrichtung eines Carillons geradezu an. Ihre zentrale Lage inmitten der Fußgängerzone, umgeben von Plätzen, Geschäfts- und Einkaufsstraßen, die das Stadtbild so charakteristisch prägenden markanten Türme (nachdem Fragen zur Statik und des Denkmalschutzes eine positive Antwort gefunden hatten) sind wie geschaffen für ein solches klangvolles Instrument.

Die zu festen Tageszeiten oder zu besonderen Anlässen erklingenden Glockenkonzertspiele laden zielgerichtet Zuhörer und Passanten in die Innenstadt ein und lassen sie verweilen. Festliche Zeiten, wie Jahreswechsel, Ostermorgen, Weihnachtsabend aber auch wichtige Ereignisse des städtischen Lebens, z.B. die Weltmeisterschaft 2006 können besonders hervorgehoben werden. Dies ist ein bedeutsames und nicht zu unterschätzendes Potential auch für die Zukunft durch das die Innenstadt belebt wird und während der ganzen Woche an Anziehungskraft, an Attraktivität, gewinnt. - Das ist etwas für Kaiserslautern!

Allerdings hat dies auch seinen Preis - ca. 350.000 Euro werden benötigt. In dieser Summe sind aber auch die Renovation der Laufgänge und die Sicherung der Treppe zum Turm für Besichtigungen des Glockenspiels, sowie verschiedene technische Voraussetzungen zur Installation enthalten. Was ermutigt ist die Tatsache dass der Förderverein „Freunde der Kirchenmusik an der Stiftskirche e.V.“ derzeit durch Spenden und Benefizveranstaltungen bereits ca. 140.000 Euro für dieses Vorhaben aufgebracht hat und die Einrichtung eines Carillons keineswegs mehr nur ein phantastischer Gedanke ist. Ganz im Gegenteil - bis zur Fußballweltmeisterschaft 2006 möchte der Förderverein sein Vorhaben realisieren.

Dann wird das Faszinosum des Klanges der den Glocken innewohnt wie vor Urzeiten, der Stadt Kaiserslautern eine Stimme geben und sie auf eine ganz charakteristische Weise, deutlich wahrnehmbar, hörbar, herausheben.

Dazu ist noch Hilfe und Unterstützung notwendig. Doch diese Hilfe schafft auch Gemeinschaft und zeigt Verbundenheit mit der Stadt mit der ein deutliches Signal für die Zukunft gesetzt wird. Übrigens jede der vorgesehenen 48 Glocken wird individuell gegossen und die größten können mit Inschriften Initialen, Wappen, persönlichen Sinn- und Leitsprüchen versehen werden. Dies schafft auch eine persönliche Identifikation mit diesem Instrument, mit der Kirche und der Stadt.

Für alle, die dieses Unternehmen stützen und fördern möchten, und das Carillon soll ausschließlich über Spenden und Sponsoren finanziert werden, sei hier auf die Spendenkonten bei der Kreissparkasse Kaiserslautern Kontonr.: 109 439 und bei der Stadtsparkasse Kontonr.: 317 255 verwiesen.